Teuflisches“ Geschäft mit dem Glauben vor Papst-Besuch in Portugal

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Ausnahmezustand im kleinen Fátima. Der Wallfahrtsort im Zentrum Portugals bereitet sich vor dem Besuch von Papst Franziskus am 12. und 13. Mai auf einen nie dagewesenen Pilger-Ansturm vor. Mit Konsequenzen, die viele Portugiesen empören.

Marília Correia wartet schon seit einigen Tagen auf den Papst. «Wir sind früher gekommen, um dem Chaos zu entgehen», erzählt die 76-jährige Rentnerin. Mit dem Wohnmobil legten sie und ihr Ehemann die knapp 200 Kilometer zwischen Vila Nova de Gaia im Norden Portugals und dem Marienwallfahrtsort Fátima zurück. Auf dem Parkplatz unweit der Basilika war es am Wochenende – schon eine knappe Woche vor dem Besuch von Franziskus am 12. und 13. Mai – für beide mit der Ruhe aber endgültig vorbei. Immer mehr Pilger trafen ein. Mit acht Millionen Besuchern rechnet der Unternehmer-Verband der Region Ourém-Fátima (ACISO).

Ein Papst-Besuch zieht immer und überall Hunderttausende an, aber im erzkatholischen Portugal ist der Besuch «noch wichtiger», wie der Historiker José Pacheco Pereira in der Zeitung «Público» (Samstag) schrieb. Die Kirche sei in allen Gesellschaftsbereichen immer noch sehr einflussreich. Allein zu Fuß waren am Sonntag nach Behördenschätzung 30 000 Pilger nach Fátima unterwegs. Das Problem ist: Der 11 500-Einwohner-Ort, der am Samstag den 100. Jahrestag der Marienerscheinungen feiert, hat nur 7500 Hotelbetten. Auch die Park-, Camping- und Zeltkapazität ist begrenzt. Im gesamten vorigen Jahr kamen 5,3 Millionen Pilger nach Fátima.

Aus der Not wollen nicht wenige nun Kapital schlagen. Die Zeitung «Jornal de Notícias» berichtete, dass ein Gasthaus für eine Übernachtung im Doppelschlafsack vom 12. auf den 13. Mai 992 Euro verlangt. Die herkömmlichen Betten seien in der Pension ausverkauft. Zimmer gibt es aber noch. Im Gasthaus Rosa Mística kann man ein Doppelzimmer buchen. Für 1650 Euro. Ohne Frühstück. Im Hotel Lux Fátima Park, wo ein Zimmer sonst zwischen 50 und 60 Euro kostet, muss man für die Nacht sogar 2500 Euro hinblättern.

Der Bischof von Leiria-Fátima, Dom António Marto, hatte schon im Februar «anständige Preise» gefordert. Umsonst. Die Übernachtungstarife schossen passend zum Papst-Besuch auch in Nachbargemeinden und sogar in der rund 130 Kilometer entfernten Hauptstadt Lissabon gen Himmel. Ein einfaches Doppelzimmer «in der Nähe von Fátima» (tatsächlich es sind rund 30 Kilometer) wird beim Onlinevermieter Airbnb für 755 Euro angeboten.

Viele Portugiesen sind empört, auch in den Medien gibt es eine Protestwelle. Zeitungen sprechen von «Wucher» und «Betrug», von «skandalösen Preisen» und einer «teuflischen Ausbeutung» der Gläubigen. Und das in einem Land, das gerade eine schlimme Krise mit Sozialkürzungen und Sparmaßnahmen hinter sich hat und in dem 20 Prozent der Arbeitenden mit dem Mindestgehalt von 557 Euro auskommen müssen. Das Portal NiT zitiert aus der Bibel: «Denn die Liebe zum Geld ist die Wurzel aller möglichen Übel.»

Maria Tereza Lameiras, die dieser Tage mit einer Gruppe aus ihrem Fitness-Studio nach Fátima pilgerte, versucht zwar Verständnis für die Entwicklung aufzubringen. Es gebe ja «das Gesetz von Angebot und Nachfrage», sagt zur Deutschen Presse-Agentur die in Lissabon lebende Marketing-Expertin. Aber in der Religion müsse Solidarität herrschen. «Wieso sollen nur diejenigen den Papst sehen können, die wohlhabender sind? Der Glaube ist für alle da.»

Nicht nur die Hotelpreise sind rapide nach oben geklettert. Unter anderem auch die der Mietbusse. Und dennoch sind meisten aller rund 3000 solcher Fahrzeuge in Portugal für den 12. und 13. seit Monaten ausgebucht. «Es ist klar, dass die Spekulation uns Sorge bereitet», sagte der Rektor des Heiligtums Fátima. Er und auch der ACISO-Vizepräsident Alexandre Marto betonten derweil, man dürfe nicht verallgemeinern. Es seien Einzelfälle, wird beteuert.

Fátima will unterdessen die Gunst der Stunde nutzen, um zu wachsen und «den Aufschwung im Religionstourismus auszuweiten», wie ACISO mitteilte. Der Papst-Besuch sei «nicht das Ende, sondern der Beginn eines neuen Kapitels» zur Förderung des Tourismus in der Region, sagte der Bürgermeister der Gemeinde Ourém, Paulo Fonseca.

Im Heiligtum soll etwa dieses Jahr vor allem für junge Leute eine «religiöse Silvesterfeier» veranstaltet werden. Der Ort, an dem am 13. Mai 1917 die Gottesmutter Maria den Hirtenkindern Francisco und Jacinta Marto und deren Cousine Lucia dos Santos erstmals und in den folgenden Monaten mehrfach erschienen sein soll, verändert sich seit kurzem rasant. Erst voriges Jahr wurden in Nähe des Heiligtums samt Erscheinungskapelle mehrere moderne Bars und Restaurants eröffnet. Ein McDonald’s soll bald hinzukommen.

Franziskus wird das vierte Oberhaupt der katholischen Kirche sein, das Fátima besucht: 1967 war Paul VI. im Wallfahrtsort, 1982, 1991 und 2000 Johannes Paul II. und 2010 Benedikt XVI. So viele Menschen wie der 80 Jahre alte Argentinier Jorge Bergoglio hat aber kein Papst angezogen. Pacheco Pereira hat eine Erklärung: Franziskus, so der Historiker, «zeigt das an, was angeprangert werden muss, und er unterstützt das, was unterstützt werden muss.»

Foto: www.pixabay.com/piper60